Bekenntnisse eines ungeouteten Schwulen
Dienstag, 24. April 2012
Der Anfang
Ich bin 28 Jahre alt und hatte noch nie eine Freundin, einen echten Kuss oder eine intime Erfahrung mit einem anderen Menschen. Der Grund dafür wird wohl meine Homosexualität sein, mit der ich mich erst seit Neustem konfrontiert sehe. Natürlich ist dieser Umstand nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Auch wenn einige Konservative meinen, Schwul-Sein wäre eine mal eben getroffene bewusste Entscheidung, um sie auf die Palme zu bringen und ein sündenreiches Leben als Dragqueen o.ä. zu führen. Aber die haben halt noch nicht gemerkt, dass sich nicht immer alles um sie dreht.

Dass man auf Männer steht, kann man entweder bemerken oder will man nicht bemerken. Bewusstwerdung ist eben kein Wissen, welches plötzlich da ist, sondern ein ziemlich komplexer Prozess, der auch über Jahre, gar Jahrzehnte andauern kann. Mh... ja, ich habe mich tatsächlich mein ganzes bisheriges Leben nicht wirklich für Frauen interessiert - jedenfalls nicht jenseits eines heteronormativen Konzeptes von Männlichkeit, das ich für mich unkritisch annahm. Wie also entdeckt man erst Ende Zwanzig seine sexuelle Identität? Ich habe mich ziemlich lange nicht selbst geliebt, ich empfand mich als hässlich und sexuell uninteressant für andere - die Möglichkeit einer romantischen und damit auch körperlichen Beziehung mit einem Menschen war bisher nicht Teil meines Lebenskonzeptes. Da ich also eh keine Pläne hatte, mit irgendjemandem intim zu werden, war die Frage nach der Sexualität eben auch keine drängende für mich. Die homosexuellen Fantasien und der Konsum entsprechenden Materials ließen sich da auch wunderbar als eine Art Wunschvorstellung von einem männlichen Aussehen erklären, welche als Kompensation für mein schlechtes Selbstbild diente. (Die aus dem christlich-orthodoxen Dunstkreis kommenden "reparativen Therapien" zur Heilung von Homosexualität nehmen eine angeblich gestörte Männlichkeit zur Grundlage ihres Wahnsinns.)

Ich ging also über Jahre davon aus, wenn ich mich erst einmal selbst lieben lernen würde, dann würde ich nicht mehr diese Bilder von anderen Männer anziehend finden. "Wird sich schon einrenken!" Natürlich kann man mich jetzt fragen: Aber Homosexualität ist doch gar nicht problematisch und du als tolerantes Kerlchen solltest doch als erstes auf solche lächerlichen Verdrängungsstrategien verzichten können...? Ich habe das wohl weniger aus internalisierter Homophobie - wie es so schön heißt - gemacht, als vielmehr aus purer Faulheit. Denn schwul zu sein, ist ja nun immer noch nicht ein Zuckerschlecken in dieser Gesellschaft. Das zieht einen Rattenschwanz an ziemlich komplexen Tätigkeiten nach sich, welche sich dem Heterosexuellen eher einfacher oder gar nicht stellen: Das fängt beim Outing an, geht über die Partnersuche weiter, dann gibt es sicher immer wieder Anfeindungen, die man ja nun auch als engagiertes Mitglied einer Minderheit argumentativ außer Kraft setzen sollte usw. usf. Boah, ich finde das schlimm und anstrengend und will das eigentlich alles gar nicht. Aber es führt nunmehr kein Weg daran vorbei. Ich musste leider einsehen, dass all die schönen Theorien vom Vielleicht-Hetero-Werden meinem neuentdeckten Selbstverständnis nicht standhielten. Nun stehe ich also da: Ein ungeouteter Schwuler, eine Jungfrau, ein absoluter Beginner. Vielleicht hilft mir ja das Schreiben zu einem neuen Tun. Denn es gibt viel zu tun und ich weiß nicht ansatzweise, wo ich anfangen soll...

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Wünsch Ihnen viel Erfolg auf dem Weg.

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Neuer Leser
Habe heute dein Blog entdeckt, werde es in der nächsten Zeit mal durcharbeiten.

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Schwule werden zu Selbstzweiflern heran geprägt.
Das geht mir teils ähnlich, obwohl meine schwule Selbst-Emanzipation deutlich anders her kam, und ich mich erst einmal aus einem komplexen Introjektionsgebäude lösen musste, das mir samt der Erziehung von einem religiösen und isolierten Umfeld eingetrichtert wurde. Ich musste so erst lernen, dass ich mein So-Sein eigentlich auch unabhängig vom Befinden anderer darüber auch positiv begreifen kann. Das hat leider sämtliche jungen Jahre verschlungen, und somit wohl auch die Chance darauf, einmal eine Beziehung zu erleben. Verschiedene Lebensverläufe können zu einem ewigen AB-Status führen. Vielleicht muss man sich auch ganz einfach damit begnügen lernen, was das Angebot der schwulen Welt einem noch anzubieten bereit ist. Freundschaften, Bekanntenkreise, Sport und Freizeit ist ja auch nicht ohne. Natürlich formt das Denken, in das man hinein wächst, ohne eine Beziehungserfahrung gemacht zu haben, im Weiteren auch die Bereitschaft oder Befähigung dazu mit. Ebenso die Art Persönlichkeitstyp, den man in sich kennt, wenn man eben nicht mit der Szene der Promisken und der Bett-zu-Bett-Nomadischen mit einstimmen kann oder es nicht will. Die Sache mit dem Annehmen der schwulen Identität ist nie leicht, das bleibt gewiss. Solange man sich als schwul erwachender Mensch nicht im selben Maße wie ein Heterosexueller unbescholten und frei entfalten kann, wird das so bleiben.

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Danke! Ein wahrer und persönlicher Text. Bloß das mit dem Selbstmitleid, dass ich in der angenommenen Chancenlosigkeit auf eine Beziehung vermute, kann ich so nicht unterstützen! :D Gib die Hoffnung nicht auf. "Freundschaften, Bekanntenkreise, Sport und Freizeit" in der schwulen Welt, daraus kann sich doch was entwickeln. Ich denke, Hoffnungslosigkeit und Negativität bringen einen nicht weiter, verbauen einem nur Wege. Ich schätze meine Chance auf eine Beziehung auch nicht hoch ein, aber ich schließe sie kategorisch nicht aus. Ich versuche, auch ohne sie glücklich zu sein. Das ist das wichtigste...

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